Weserradweg – Höxter bis Hameln

Weserradweg – Höxter bis Hameln

Stippvisite im Schloss Corvey

Heute solle es auf den Weserradweg für uns weitergehen. Nach einem reichlichen Frühstück brechen wir am 4. August am Corveyer Hof, der Herberge unserer letzten Nacht, auf. An der Fahrradgarage herrscht schon ein reges treiben. Mit uns bricht manch andere Fahrgemeinschaft auf. Als wir ersten 300 Meter hinter uns haben, ist jedoch niemand mehr zu sehen. Offenbar haben die Anderen wohl den Weg stromaufwärts in Angriff genommen.

Wir aber rollen durch die, heute Morgen noch menschenleeren Straßen, Höxters in Richtung Kloster Corvey. Der letzte Kilometer dorthin ist eine schnurgerade, von prächtigen Laubbäumen gesäumte Allee.

Eigentlich ist es nicht gestattet das Klosterareal mit dem Fahrrad zu befahren. Ein Fahrradparkplatz vor dem Tor und entsprechende Schilder weisen darauf hin. Da heute morgen hier aber noch niemand unterwegs ist, gestatten wir uns eine kleine „Klosterstippvisite“ mit dem Rad. Es ist eine wahrlich großzügige Anlage. Wir schauen in den Schlosshof, der von Kaisersaal, Schloss, Bibliothek und dem ehemaligen Kreuzgang eingerahmt wird. Vor diesem Hof liegt ein großzügiger Garten/Park zwischen Kaisersaal, Vorburg und Remise. Zum Schluss werfen wir noch einen Blick in das Herz der Anlage, der Abteikirche St. Stephanus und Vitus. Heute, am Sonntag Morgen, wird hier gerade der Gottesdienst gefeiert. So verhalten wir uns mucksmäuschenstill und verlassen das Gotteshaus nach wenigen Minuten
Aber unser Entschluss steht fest: Wir kommen wieder.

Weiter nach Holzminden

Hinter dem Schloss Corvey führt der Weserradweg zunächst auf einer wiederum schnurgeraden Allee entlang der Weser und stößt dann auf die Straßenbrücke nach Lüchtringen, über die wir auf das rechte Weserufer wechseln. Hierzu muss man auf der einen Seite den Brückendamm steil hinauffahren und auch die Abfahrt auf der anderen Seite ist anspruchsvoll.

Lüchtringen am Weserradweg
Lüchtringen am Weserradweg

Wenige Kilometer weiter weist ein Wegweiser weg vom Weserufer nach Holzminden. Wir aber wollen schlauer sein und folgen weiter dem Ufer des Flusses. Schließlich sind wir am diesem Wochenende „Flußwegradfahrer“. So handeln wir uns die ersten zwei Kilometer Umweg des Tages ein, von denen vielleicht 400 Meter am Flussufer entlangführten. Für den Rest der Strecke nach Holzminden ging es dann durch Maisfelder und vorbei an Kiesgruben – prima.

Holzminden entpuppt sich als eine der vielen Fachwerkstädte am Weserradweg. Wir machen einen kurzen Abstecher in die Innenstadt. Kirchstraße und Markt präsentieren die in dieser Gegend wie selbstverständlich erscheinenden tollen Stadtbilder. Der Markt, gesäumt von Fachwerkfassaden und geometrisch geschnittenen Platanen ist sicher eine der schönsten Stellen der Stadt.

Weserradweg in Holzminden
Weserradweg in Holzminden

Wir verlassen Holzminden, unterqueren die Bundesstraße 64 an Stadtrand und sind wieder zwischen den Feldern und Wiesen der Weseraue angekommen. An nächsten Abzweig lassen wir uns durch ein Schild weiter in Richtung Bevern locken und meinen auf dem Weserradweg zu sein. Das ist jedoch weit gefehlt und wir haben uns schwupp, die nächsten drei Kilometer Umweg eingehandelt. Besonders schön war es auf diesen zusätzlichen Abschnitt nicht. Ein Bauernhof mit großzügiger Reitanlage war noch das Sehenswerteste.

Burg Polle und ein kleines Märchen am Weserradweg

Wieder an der Weser angekommen geht es auf dem Weserdeich weiter bis nach Forst und dann begleitend zu einer Kreisstraße bis zur Fähre nach Polle.
Drüben auf der anderen Seite auf einem Bergsporn thront die Ruine der Burg Polle. Bereits 1285 erstmals urkundlich erwähnt diente sie den Eversteiner Grafen als Wohn- und Wehrstätte. Später wurde dem Ort und der Burg Polle angedichtet, die „Heimat“ des Aschenputtels zu sein.

Ein Erbe, dass heute intensiv gepflegt wird. Der Ort hat sich offiziellen um den Titel „Aschenputtel-Ort“ bemüht und diesen auch bekommen. Jeden Dritten Sonntag von Mai bis September wird im Burghof die Geschichte vom Aschenputtel in einer Mischung aus Schauspiel und Erzählung aufgeführt. Für die Gäste ist der Besuch des Stückes kostenfrei. Im „Aschenputtelzimmer“ und im Museum auf der Burg, wird das populäre Märchen ebenfalls lebendig. Und natürlich ist Polle auch eine Station an der Deutschen Märchenstraße, die die Weser von Hann. Münden bis nach Bremen begleitet.

Burg Polle am Weserradweg
Burg Polle am Weserradweg

Für uns geht es aber weiter und gleich hinter Polle müssen wir einen kleinen Anstieg meistern. Vor hier oben hat man einen schönen Blick auf die Burg und Ort Polle aus östlicher Richtung. Unten, wieder an der Weser angekommen, legen wir an einem schattigen Rastplatz eine erste Pause ein. Wir lassen uns die Klaräpfel von dem Baum schmecken, an dem wir gestern zwischen Bursfelde und Lippoldsberg nicht vorbeigekommen sind ohne anzuhalten.

Weiter auf dem Weserradweg nach Bodenwerder

Weiter geht es entlang des Weserbogens bei Reiliefzen wo sich der Fluß schon wieder um fast 180 Grad wendet. Es sind wohl diese Schleifen, die den Weg am Fluss so attraktiv machen. Selten sind die Ufer von großen Bundesstraßen oder von Bahntrassen begleitet und Flußbegradigungen wie am Rhein sind hier unbekannt. Lediglich die malerischen Städte und Dörfer, der Ackerbau und die vielen Kiesgruben aus jüngerer Zeit haben hier der Landschaft hier einen Stempel von Menschenhand aufgedrückt.

An Weserradweg bei Pegestorf
An Weserradweg bei Pegestorf

An diesem Abschnitt werden nun die Städte weniger und die Dörfer kleiner. Kilometerweit rollen wir auf dem schönen Weg am Weserufer entlang ohne auf besondere Höhepunkte zu stoßen. Mal winken uns ausgelassene Männergesellschaften in Schlauchbooten von der Flußmitte aus zu, oder eine kleine Gruppe von Schafen döst am Wegesrand.

Der nächste größere Ort am Weg ist Bodenwerder, die „Münchhausenstadt“. Sie liegt natürlich auch an der Deutschen Märchenstraße. Unsere Begegnung hier hat aber wenig mit dem „Lügenbaron“ zu tun. Es ist eher die „Himmelspforte“ das uns interessant erscheint. Es handelt sich dabei um enein Campingplatz direkt am Weserufer und an dessen Zufahrt der Weserradweg direkt vorbei führt. An Schnittpunkt dieses Mikrokosmos zwischen Camperglück und und Pedalritterfreuden liegt die Rezeption des Platzes, der ein einladendes Gestühl vorgelagert ist. Dieses und die darauf drapierten Gäste signalisieren uns: ein toller Ort für die anstehende Mittagspause.

Am Campingplatz Himmelspforte

Die Szenerie, die sich nun in der Rezeption des Campingplatzes ergibt ist wirklich bemerkenswert. Dieser Ort ist multifunktional. Sie ist Verkaufstresen,Theke, Speisenausgabe und Gästeempfang in einem.

Die Kulisse: Der Gast steht vor einem Tresen zwischen Brust- und Schulterhöhe, je nachdem welche körperliche Konstitution dem Bittsteller mitgegeben wurde. Die Tresen ist gerahmt von einem überdimensionalen „Fenster“. Es scheint in eine mit den Jahren erdunkelte Holzvertäfelung geschnitten zu sein. Hinter dem Tresen ein riesiges unbeleuchtetes Regal mit Fragmenten üblicher „Campingbedarfsartikel“. Das Raum hinter dem Tresen selbst ist ebenfalls nicht beleuchtet.

Die Darsteller: Hinter dem Tresen ein betagtes Paar, das wohl seit der Gründung des Platzes im Jahr 1965 hier wohl bisher jede Saison geschmissen hat. Respekt vor dieser Lebensleistung. Resolut führen die beiden hier das Kommando und arbeiten die Bestellungen das Gäste nach Speisen und Getränken ab. Dabei scheint alles irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein. Ein Art von Tablett voller Kleingeld dient als Wechselgeldkasse. Er ist dabei für das Kassieren und den Getränkeausschank zuständig. Sie beackert Tapfer alles andere. Oft wird dieses oder jene Detail bei den Bestellungen vergessen. Wiederholtes Nachfragen macht einen guten Teil der Konversation mit den Gästen aus.

Schließlich sind aber auch wir gut mit Essen und Trinken versorgt und gönnen uns unsere wohlverdiente Pause. Auch die Wirtsleute verschnaufen jetzt ein wenig und gesellen sich zu Ihren Gästen auf der Terrasse. Offenbar genießen die Beiden hier großen Respekt und sind wohl zugleich Gastgeber, Mentoren und Kumpel.

Weiter bis nach Hameln auf dem Weserradweg

Wir haben uns ein wenig zu lange an der „Himmelspforte“ aufgehalten und lassen so Bodenwerder am linken Weserufer liegen. Wir verzichten auf die Stippvisite im Zentrum der „Münchhausen-Stadt“. So bleiben wir weiter auf dem rechten Ufer des Flusses. Wir unterqueren die Bundesstraße 240 und ab hier folgt nun einer der wenigen Abschnitte am Weserradweg, auf denen es keinen separaten Radweg gibt. Nach ca 750 Metern können wir uns aber wieder über einen Radweg freuen, der ab hier wieder nahe dem Ufer vorbei an Wiesen und Feldern verläuft.

Bei Grave am Weserradweg
Bei Grave am Weserradweg

Manche Baudenkmale, wie das Schloss Hehlen auf der anderen Flussseite, machen die Route weiterhin interessant. Aber auch ungewöhnliches gibt es zu sehen. Bei Hajen beobachtet eine schwarze Katze auf rotem Stuhl unseren Weg. Ein kleines Stückchen weiter dann die „Hü-Ossen“. So nannte mann die Treidler, die vor der Erfindung der Dampfschifffahrt die Schiffe hier stromaufwärts zogen. Wie die Zugochsen auf den Äckern wurden die Männer von Ihrem Anführer angetrieben, daher der seltsame Name.

Die letzten markanten Punkte am Weg bis Hameln bilden einen starken Kontrast und scheinen irgenwie aus zwei verschiedenen Welten zu stammen. Da ist zum einen am anderen Flussufer das Kernkraftwerk Grohende und wenig später in Tündern die alte Turmwindmühle direkt am Deich, auf dem hier der Weserradweg entlang führt.

Von Tündern bis Hameln geht es vorbei an Wiesen, Feldern und den schon fast obligatorischen Kiesgruben. Die findet man vor allem dort, wo sich das Wesertal weitet und Städte in der Nähe sind.

Hameln

Hameln begrüßt uns mit einem gewaltigen Getreidespeicher. Dann folgt ein steiler Anstieg hinauf auf die Fahrradbrücke die den Weserhafen überspannt. Noch ein paar Meter vorbei an Bahnanlagen und wir haben die belebte Uferprommenade erreicht. Hier machen die Passagierschiffe fest um ihre Gäste hinaus auf den Fluss zu tragen.. Noch schnell die hier vierspurige Bundesstraße 1 überquert und wir sind am Rand der historischen Altstadt angekommen.

Wir drehen eine Runde durch die sehr sehenswerte und schöne Innenstadt. Weserrenaissance überall! Rathaus und „Rattenfängerbrunnen“, blauer Himmel über uns und „Ratten“ zu unseren Füßen begleiten uns dabei.

Es ist ein schöner Abschluss unserer Tour auf dem Weserradweg. Wir erholen uns noch ein wenig in einem der Straßenrestaurants. Dann sagen wir Hameln adé und machen und auf den weg zum Bahnhof.

Von Hameln geht es mit verschiedenen Bahngesellschaften von Hameln über Elze und Göttingen wieder nach Erfurt. Die Fahrradmitnahme klappt in allen Verbindung ganz wunderbar und auch alle Anschlüsse werden erreicht.

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