Eine unruhige Nacht am Faro de Cabo Silleiro, geprägt von Mücken, Meerblick und Morgendunst, bildet den Auftakt zu einem ereignisreichen Reisetag entlang der galicischen Küste. Zwischen Abschied von der Ría de Vigo, spontanen Routenentscheidungen und ersten Eindrücken von Baiona führt die Fahrt schließlich weiter nach Norden – vorbei an eindrucksvollen Landschaften, historischen Orten und hin zu einem Ziel voller Geschichte, Magie und Nachdenklichkeit: Muxía an der Costa da Morte.
Die Nacht auf dem kleinen Parkplatz gleich neben dem Faro de Cabo Silleiro mit seiner tollen Aussicht hoch über dem Meer war alles andere als geruhsam. Die Mücken, die es gestern Abend ins Auto geschafft hatten und nicht unserem heldenhaften Abwehrkampf zum Opfer gefallen waren, haben uns in der Nacht tüchtig zugesetzt. Die Blutflecken an den Wänden und in den als Streitkeulen genutzten Handtüchern zeugen davon, dass die letzten überlebenden Exemplare vor ihrem Tod noch eine leckere Mahlzeit genossen hatten.
Diese Anstrengungen rechtfertigen ein etwas späteres Aufstehen als sonst. Beim Frühstück draußen genießen wir einen späten Morgen unter heiterem Himmel, der vom Meer bis zu uns hinüberreicht. Ein Blick landeinwärts den Berg hinauf zeigt jedoch dichte Wolken, die das Küstengebirge verhüllen.
Draußen in der Bucht hat sich das Kreuzfahrtschiff Azamara Journey auf den Weg nach Vigo gemacht. Fischkutter und erste Segler scheinen über die noch recht kappelige See der Ría de Vigo zu hüpfen.
Um 11:00 Uhr brechen wir auf. Zuvor führen wir jedoch noch eine kleine Diskussion darüber, wie es mit unserer Reise weitergehen soll. Meine Priorität wäre es eigentlich, weiter nach Portugal zu fahren. Bis zur Grenze sind es nur noch wenige Kilometer. Steffi ist dagegen. Portugal stand nicht auf unserer ursprünglichen Planung, und sie fühlt sich so gar nicht vorbereitet auf dieses für uns neue Land.
Also entschließen wir uns, entlang der nordspanischen Küste den Rückweg anzutreten.
So verlassen wir den Faro de Cabo Silleiro mit dem Ziel Finisterre. Bevor wir diesen schönen Flecken Erde jedoch endgültig verlassen, biegen wir noch auf die Zufahrt zum eigentlichen Cabo de Silleiro ein. Unten am Wasser gibt es die Miradorio de Carral und einen Parkplatz und ein verlassenes Gebäude, der einst der Sockel für den früheren Leuchtturm, dem Faro Pequeno war. Dessen Nachfolger, 85 Höhenmeter über dieser Stelle, hat in der letzten Nacht über uns gewacht.
Aber auch ohne Turm hat man dort eine ganz wundervolle Aussicht auf den offenen Atlantik, die vorgelagerten Inseln Illa do Faro und Illa de San Martiño sowie auf die Ría de Vigo. Dort schiebt sich gerade ein Containerriese in Richtung Vigo, und in der Bucht haben sich einige Dutzend Segler zu einer Regatta formiert. Sie haben heute offenbar beste Bedingungen.
Mit diesen Bildern verlassen wir das Cabo de Silleiro und treten nach nun xx Reisetagen praktisch die Rückreise an.
Doch damit haben wir keine Eile. Nach nur drei Kilometern leisten wir uns erst einmal einen Abstecher in Richtung Baiona, der westlichsten Stadt am südlichen Ufer der Ría de Vigo. Noch bevor wir die Stadt erreichen, finden wir die Miradorio Rompeolas direkt am Wasser. Noch einmal genießen wir den Blick auf die Ría de Vigo. Die Boote der Segelregatta wenden um eine Boje und nehmen nun den Vorwindkurs in Angriff.
Über uns ragt ein markanter Berg auf: der Monte San Roque, rund 100 Meter hoch. Auf seinem Gipfel steht die Virxe da Rocha, die Jungfrau vom Felsen – eine 15 Meter hohe Steinstatue aus dem Jahr 1930. Sie stellt die Jungfrau Maria dar, die in der rechten Hand ein Boot hält. Das ist nicht nur ein Zeichen der Verbundenheit der Menschen hier mit dem Meer, sondern zugleich auch eine Aussichtsplattform, die man über eine Wendeltreppe im Inneren der Statue erreichen kann.
Die Idee zu dieser Statue geht auf Laureano Salgado Rodríguez zurück, der sein erstes Geld als Vertreter von Schiffsagenturen verdiente, die sich auf den Transport von Auswanderern nach Amerika spezialisiert hatten. Vielleicht inspirierten ihn die Statue of Liberty in New York oder er hatte bereits von der großen Christusstatue in Rio de Janeiro gehört, die ein Jahr später als die Virxe da Rocha fertiggestellt wurde.
Rechts von uns auf einer Landzunge die mächtige Fortaleza de Monte do Boi. Die unnahbare Festung ist heute ein Urlaubsparadies. Einige der Gebäude hinter der Mauer scheinen aus neuerer Zeit zu stammen. Sie gehören zu Parador Nacional de Baiona. Einem nationalen Touristenhotel aus der staatlich betriebene Hotelkette Paradores Nacionales Turismo, die für ihren Standorte historische Stätten in Spanien wählt um diese und die dort befindlichen Kunst- und Kulturgüter internationalen Gästen bekannt besser bekannt zu machen. Ein tolles Konzept wie ich finde.
Einst die Festung strategisch sehr bedeutend, da von dort aus die Verteidigung der gesamten Rias Baxias koordiniert wurde. Wie wehrhaft dieser Ort einst war, zeigt eine Episode aus dem Jahr 1589 als es dem sonst so erfolgsverwöhnten und berühmten englische Freibeuter Sir Francise Drake nich gelang diesen Ort zu erobern.
Wir verabschieden uns nun von der Ría de Vigo und machen uns auf den Weg vorbei an Vigo und dann weiter nach Norden. Um 11:50 Uhr geht es über die Ponte de Rande, die uns mit ihrer kühnen Konstruktion schon gestern in ihren Bann gezogen hatte.
Die Ría de Vigo mit ihrer fjordähnlichen Landschaft, auf der sich im satten Grün über der Küste Städtchen wie bunte Tupfer abheben, scheint uns eine sehr lebenswerte Gegend zu sein. Für uns aber geht es weiter nach Norden, zunächst über die Montes do Morrazo, die weit auf die westlich von uns gelegene Halbinsel Morrazo hinausreichen. Dazu gehört auch der Monte Castrove, den wir gestern als markante Landmarke von Illa de Ons bzw. A Illa de Arousa ausmachen konnten.
Hinter Pontevedra wird es flacher, aber die Strecke bleibt kurzweilig und abwechslungsreich. Zudem gilt es wieder, einen kleinen Wegezoll zu zahlen. An den zwei Mautstationen bei Figueirido und der Ausfahrt in Padrón werden insgesamt 8,50 € fällig. Zuvor mussten wir schon für die Nutzung der AG-57 bis nach Vigo 1,70 € von unserer Kreditkarte abbuchen lassen.
Hinter Padrón kommen wir mangels Autobahn deutlich langsamer voran. Wir haben uns zwischenzeitlich überlegt, doch nicht nach Finisterre, dem heimlichen Endpunkt des Jakobsweges, zu fahren. Irgendwie fürchten wir dort einen Ort zu finden, der nicht mehr den Zauber hat, den wir bei unserem ersten Besuch erlebt haben.
Als alternatives Reiseziel für heute haben wir nun Muxía an der Costa da Morte auserkoren. Um dorthin zu gelangen, geht es auf der AC-646 nach Nordwesten hinaus an Spaniens Todesküste.
Gegen 13:50 Uhr kommen wir dort an und drehen erst einmal eine Runde durch den Ort, die uns wieder an den Ortseingang zurückführt. Dort gibt es eine kleine, einfache Entsorgungsstation, die wir gerne nutzen. Dabei treffen wir auf ein junges Paar aus Worms, das mit einem selbst ausgebauten Caddy unterwegs ist. Wir wechseln ein paar Worte über das Woher und Wohin.
Danach geht es hinunter zum Stellplatz gleich neben dem Cruceiro do Santuario da Virxe da Barca, dem Wallfahrtsort des Heiligtums Unserer Lieben Frau vom Boot.
Dieser Ort hat ein wenig Magie, wie wir finden. Vor uns ein paar Felsen, die von der See umspült werden. Darauf der Faro da Barca. Wenn man seine geringe Höhe betrachtet, scheint er eher ein Leuchtfeuer als ein klassischer Leuchtturm zu sein.
Dennoch ist er nicht unwichtig. Bei Dunkelheit sendet er alle 15 Sekunden drei Lichtblitze bis zu 24 Seemeilen hinaus auf die gefährliche See. Nicht umsonst trägt dieser Küstenabschnitt zwischen Finisterre und Malpica den Namen Costa da Morte, die Todesküste. Unzählige Schiffe und Boote gingen hier im Laufe der Jahrhunderte verloren.
Hinter uns auf dem felsigen Hügel steht die Wallfahrtskirche Santuario de Nosa Señora da Barca. Insgesamt ist dies offenbar ein beliebter Ort. Der Wohnmobilstellplatz sowie der kleine Parkplatz nebenan sind gut besucht. Der Imbiss und die kleinen Souvenirbuden scheinen gute Geschäfte zu machen.
Wir genießen eine Weile die Szenerie. Steffi erklimmt für ein paar Bilder den Hügel und bringt schöne Ergebnisse mit zurück. Dann machen wir uns an ein verspätetes Mittagessen. Vor dem Auto haben wir Campingstühle und einen Tisch aufgestellt und genießen Kartoffelsalat und Buletten aus der Produktion von gestern Abend.
Während wir essen, vernehmen wir ein hässliches Knirschen gleich hinter uns. Ein einheimischer Opel Movano kratzt beim Ausparken an einem Schweizer Wohnmobil entlang. Noch scheint der Schaden nicht groß zu sein, und wir gestikulieren heftig, dass er stoppen soll. Doch er bemerkt nicht, was gerade geschieht. Auch seine Mitfahrerin reagiert nicht. Als der Schaden angerichtet ist und er endlich aussteigt, beschimpft sie ihn ordentlich. Er betrachtet ungerührt den Schaden am Wohnmobil und tut so, als wäre nichts geschehen. Dann steigen beide ein und fahren davon. Eiskalte Fahrerflucht!
Mangels Stift und Zettel kratzen wir das Kennzeichen in den Sand neben unserem Tisch und notieren es zusätzlich im Handy. Von der Besatzung des Wohnmobils ist weit und breit nichts zu sehen.
Nach dem Essen ziehen wir uns für eine Ruhestunde ins Wohnmobil zurück.
Gegen Abend machen wir die Räder fertig, um den Ort hinter uns mit seinen Gassen, Plätzen und dem Hafen zu erkunden. Bevor es losgeht, treffen wir auf die Besatzung des Wohnmobils, das der flüchtige Fahrer beschädigt hatte. Den beiden Schweizern war der Schaden noch gar nicht aufgefallen. Sie sind dankbar für den Hinweis und das Kennzeichen des Übeltäters. Auch wenn die Kratzer und die Delle nicht dramatisch aussehen, ist schnell ein Schaden von sicher über tausend Euro entstanden, auf dem sie sonst sitzen geblieben wären.
Dann geht es für uns auf den Rädern gute 500 Meter auf der Küstenstraße zurück nach Muxía. Dort angekommen biegen wir nach rechts in die engen Straßen der kleinen Stadt ein und erkunden die Rúa Real, in der es neben einigen Bars, einer Apotheke, einem Angelladen und einer Bankfiliale nichts Besonderes zu entdecken gibt.
Am Ende der Straße erreichen wir die Punta da Cruz, an der sich die südliche Hafenmole anschließt. Wir fahren hinaus auf die Molenspitze. Von dort hat man einen guten Blick auf die Uferfront von Muxía und hinaus auf die große Meeresbucht der Ría de Camariñas.
Auf dem Weg zurück in die Stadt kommen wir an einer Wegmarke des Camino del Norte vorbei, der entlang der spanischen Nordküste nach Santiago de Compostela führt. Neben der Jakobsmuschel in den zwölf Europasternen, die für Vollkommenheit, Einheit, Harmonie und Ganzheit stehen, ist auf der kleinen Granitstele die Marke PK 1+090 vermerkt. Wir wissen nicht genau, was sie bedeutet – vielleicht die Entfernung zur nächsten Wegstation. Bis zum Cruceiro do Santuario da Virxe da Barca sollten es rund zwei Kilometer sein.
Interessant ist auch das wellenförmige, in weißen Beton gegossene Gebilde gleich hinter der Wegmarke. Es zeigt an, dass der Hafen von Muxía zu den Portos de Galicia gehört, einer staatlichen spanischen Behörde, die 128 Häfen in Galicien betreibt und unterhält.
Von dort sind es nur wenige hundert Meter bis zum zentralen Platz von Muxía. Hier kann man zwischen drei Restaurants und einer Bar wählen. Wir entscheiden uns für das Pedra d’Abalar. Der größte Vorzug scheinen die moderaten Preise zu sein. Das Menü kostet 14,50 €, ein Glas Bier oder Weißwein 2,50 € und ein Espresso 1,50 €. Allzu hohe kulinarische Erwartungen darf man dafür nicht haben, doch das Fischmenü mit gebackener Makrele und ein paar Gambas hat uns satt gemacht.
Wir essen draußen vor dem Restaurant und haben einen aufdringlichen Nachbarn: Eine große Möwe zeigt sich sehr interessiert an unseren Tellern und lässt sich nicht so leicht vertreiben. Im Gegenteil, als sie den Moment für günstig hält, startet sie sogar einen kleinen Luftangriff.
Erst als die Teller immer leerer werden, sinkt auch ihr Interesse und sie fliegt davon.
Nach dem Essen geht es zurück zum Wohnmobil und hinaus zum Leuchtturm und zur Kirche am Meer. Dort erleben wir im warmen Licht der untergehenden Sommersonne einen wundervollen Abend. Wir schauen hinaus aufs Meer, genießen die Sonne und den warmen Abendwind und informieren uns online noch ein wenig über diesen zauberhaften Ort.
Oben auf dem Hügel steht ein recht modernes Denkmal: eine grob aus hellem Granit geschlagene Stele, die von einem gezackten Riss durchzogen ist und wie gespalten wirkt. Der Künstler Alberto Bañuelos schuf dieses Monument und gab ihm den Titel A Ferida (Die Wunde).
Es erinnert an eine der großen Umweltkatastrophen der jüngeren Vergangenheit. Am 13. November 2002 geriet der 243 Meter lange Tanker Prestige vor der Küste in Seenot, begann Öl zu verlieren und drohte zu kentern. In den folgenden Tagen unternahm man vieles, um das Schiff zu retten, verweigerte ihm jedoch das Einlaufen in einen sicheren Hafen, um Umweltschäden zu vermeiden. Stattdessen schleppte man den Havaristen hinaus aufs offene Meer.
Der bereits angeschlagene Schiffsrumpf konnte der tosenden See nicht standhalten. Das Schiff zerbrach auf offener See. Zwar konnte die Besatzung per Hubschrauber gerettet werden, doch rund 64.000 Tonnen Schweröl ergossen sich ins Meer und verschmutzten in den folgenden Wochen etwa 2.900 Kilometer spanischer und französischer Küste. Besonders schlimm traf es die Costa da Morte, an der auch Muxía liegt.
Man geht davon aus, dass etwa 115.000 Seevögel umkamen. Erst zehn Jahre später hatte sich die Natur weitgehend erholt. Langzeitfolgen, etwa geringere Bruterfolge bei Vogelarten wie der Krähenscharbe, hielten jedoch deutlich länger an. Der wirtschaftliche Gesamtschaden wurde von der spanischen Staatsanwaltschaft auf rund 4,3 Milliarden Euro geschätzt.
Die andere Sehenswürdigkeit hier ist deutlich älter: das Santuario de Nosa Señora da Barca, die Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau vom Boot. Der Legende nach kam der Apostel Jakobus mit seinen Missionsbemühungen in Galicien kaum voran und dachte daran, aufzugeben. In diesem Moment erschien ihm an der Küste ein steinernes Boot – mit der Jungfrau Maria als einziger Passagierin. Sie tröstete ihn und ermutigte ihn, sein Werk fortzusetzen. Aus diesem steinernen Boot sollen die Felsen entstanden sein, die heute nahe der Kirche aus dem Meer ragen.
Der Bau im weitgehend romanischen Stil aus dem frühen 18. Jahrhundert ist schlicht, aber schön anzusehen. Der Blick von der Terrasse vor der Westfassade hinaus auf das Meer ist einfach traumhaft – besonders jetzt, da sich die Sonne langsam dem Horizont nähert.
Wir gehen zurück zum Wohnmobil und erleben gemeinsam mit vielen anderen Besuchern das Finale dieser Goldenen Stunde.
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